Notiz Nr.4

Auszug aus dem Newsletter Med-con vom 31.01.05


BRUSTKREBS-SCREENING KOMMT

Derzeit laufen die Vorbereitungen für ein flächendeckendes Brustkrebs-Screening auf Hochtouren. Ziel dieses ehrgeizigen und teuren Projektes ist, dass mindestens 70% aller Frauen in der Altersgruppe zwischen 50 und 69 Jahren daran teilnehmen Derzeit gibt es in dieser Altersgruppe etwa 6 Millionen Frauen. Im Zweijahrestakt sollen dann die Frauen zum Screening - einer Mammographie nach deutschem High-Tec-Standard. Damit soll, so die Initiatoren, die Sterberate bei Brustkrebs um 30 Prozent sinken. Was sich vernünftig anhört, hat jedoch nicht unbeträchtliche Tücken.

Was die Protagonisten des Screening-Programms in ihrer Kommunikation fast regelmäßig nicht sagen, ist, dass es sich dabei lediglich um eine relative Verminderung des Sterberisikos als Folge von Brustkrebs handelt. Sie verschleiern, so kritisiert beispielsweise die Hamburger Medizinerin Professor Ingrid Mühlhauser, damit die Entscheidungssituation, vor der eine Frau steht, die eine Mammographie machen lassen möchte. Einerseits wird das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken und zu sterben, stark betont, andererseits wird die Chance, dieses Risiko durch Mammographie-Screening zu mindern, überpointiert. Oft wird nämlich nur über die relative Risikominderung informiert.

Und dies sind die Fakten:

In der Zielgruppe der 50- bis 69 jährigen Frauen sterben in einem Zeitraum von zehn Jahren ohne Mammographie-Screening vier von tausend Frauen an Brustkrebs. Mit Mammographie-Screening sterben - so die Prognosen - binnen zehn Jahren drei von tausend Frauen an Brustkrebs. Der Nutzen des Screenings soll also darin bestehen, dass damit eine von tausend Frauen binnen zehn Jahren nicht an Brustkrebs stirbt. Die absolute Sterbewahrscheinlichkeit als Folge von Brustkrebs sinkt damit von vier auf drei Promille - und relativ gesehen sind dies in der Tat 25 Prozent.

Man kann das auch von einer anderen Perspektive aus sehen und die Überlebenswahrscheinlichkeit betrachten: die beträgt ohne Mammographie-Screening 99,6 Prozent, mit Screening 99,7 Prozent.

Fazit: Von tausend Frauen, die am Screening über zehn Jahre teilnehmen hat eine einen Nutzen insofern, als sie in dieser Zeit nicht an Brustkrebs sterben wird. 999 Frauen haben keinen Nutzen; denn 996 davon wären auch ohne Früherkennungsuntersuchung nicht am Mamma-Ca gestorben, und drei würden auch trotz der Untersuchung sterben.

Das Problem ist nur, dass die Absenkung von vier auf drei Todesfälle reine Spekulation ist. Oder Wunschdenken des alten Aberglaubens, dass eine Krebsfrüherkennung Todesfälle vermeiden hilft. Das mag auf verschiedene Krebsarten zutreffen, für den Brustkrebs ist das weder statistisch noch wissenschaftlich nachvollziehbar. Und schon gar nicht in der Praxis. Denn es gibt keinen Todesfall bei Brustkrebs, der darauf zurückzuführen ist, dass dieser zu spät erkannt worden wäre.

Wir haben ein erhöhtes Sterberisiko, weil sich Frauen bewusst von der Biopsie oder Operation drücken und wir haben ein steigendes Sterberisiko, weil viele Ärzte Verzögerungsmethoden - einschließlich Bestrahlung und Chemotherapie - anbieten und durchführen. Ein Screening im 2-Jahres-Takt bei 70% der Frauen bringt statistisch keine Tote weniger. 

 Ein weiteres Problem der Mammographie ist ihre unbefriedigende Spezifikation: Von tausend Frauen, die sich erstmals einer Mammographie-Untersuchung unterziehen, haben nämlich hundert einen verdächtigen Befund, der der Abklärung bedarf. Die Folgediagnostik widerlegt dann zu 90 Prozent den falschen Verdacht. Anders ausgedrückt - und diesmal in relativen Wahrscheinlichkeiten: Das Risiko, nach einem Mammographie-Screening zunächst eine falsch positive Diagnose, nämlich den Verdacht auf Brustkrebs, zu erhalten, ist 90mal höher als die Wahrscheinlichkeit, vom Screening zu profitieren.

Weitere Aspekte relativieren den Sinn eines flächendeckenden Screenings, weil es eher Schaden anrichtet:

-- Bei solchen Frauen, bei denen Brustkrebs erkannt und behandelt wird, der sich aber ohne Früherkennungsuntersuchung zu ihren Lebzeiten gar nicht bemerkbar gemacht hätte.
-- Bei solchen Frauen, bei denen die Therapie zwar rascher erfolgt, deren Lebensqualität und Lebenserwartung durch die Behandlung nicht verbessert wird.

-- Und schließlich bei jenen Frauen, bei denen die Behandlung früher erfolgt, deren Lebensqualität und -erwartung sich aber verschlechtern.

Schließlich ist die Strahlenbelastung durch Mammographie nicht ohne jedes Risiko. Dies ist zwar gering und wird von der Gesellschaft für Strahlenschutz mit 0,015 bis 0,045 Prozent angegeben. Je 10 000 Frauen müsste demnach als Folge der Mammographie mit ein bis zwei zusätzlichen Todesfällen gerechnet werden. Auf der Habenseite stünden allerdings zehn vermiedene Todesfälle durch Brustkrebs.

 

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